Über Legasthenie

Im Dschungel der Definitionen, Theorien, Meinungen und Ansätze

"Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Symbole wie Buchstaben oder Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen, dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnens." (Dr. Astrid Kopp-Duller)
 

Wie in vielen anderen Bereichen des Lebens gibt es auch hier im Bereich der Legasthenie unzählige Definitionen, Theorien, Meinungen und Ansätze. Der Dschungel für Eltern betroffener Kinder beginnt bereits bei der Definition. Legasthenie wird oft als Sammelbegriff für "LRS" (Lesestörung, Rechtschreibstörung oder einer kombinierten Lese-Rechtschreibstörung) oder als allgemeine "Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten" verwendet.

Ein Ansatz wäre, dass der Unterschied vor allem darin liegt, dass bei einer Legasthenie oftmals eine normale bis überdurchschnittliche Intelligenz vorliegt, während der Begriff "Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten" im pädagogischen Bereich alle Abstufungen der Problematik umfasst – unabhängig von Intelligenz oder Begabung. Sicher ist jedenfalls, dass Legasthenie nichts mit einer verminderten Intelligenz zu tun hat. Im Gegenteil, legasthene Menschen weisen oft eine durchschnittliche bis überdurchschnittliche Intelligenz auf und haben in vielen anderen Bereichen oft große Talente und Erfolge (siehe weiter unten Beispiele von bekannten Legasthenikern)! Vermehrt ist auch von einer Lesestörung, Rechtschreibstörung oder einer kombinierten Lese-Rechtschreibstörung zu lesen. 

Definitionen sind natürlich wichtig, um Störungen bzw. Situationen zu benennen, zu erklären und in Folge in einem allgemeinen Verständnis darüber zu sprechen und damit zu arbeiten. Der Begriff einer „Störung“ stört mich persönlich jedoch erheblich! Eine Störung klingt für mich wie eine Erkrankung, etwas, das nicht so funktioniert, wie es funktionieren sollte. Natürlich funktionieren gewisse Bereiche - vor allem betreffend der Sinneswahrnehmungen und der Informationsweiterleitung (vermutlich aufgrund genetischer Ursachen) im Gehirn bei betroffenen Kindern anders, was sich in weiterer Folge auf Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens (und  auch des Rechnens - Dyskalkulie) auswirken kann.

Störend ist dies jedoch erst dadurch, wenn es um eben diese Bereiche geht, die eigentlich - wenn man einen Schritt zurück geht - ja nur deshalb wichtig und betroffen sind, weil die heutige Zivilisation sich auf das Lesen, Schreiben und Rechnen als eine allgemein gültige und geläufige Kulturtechnik verständigt und geeinigt hat. 

In vielen anderen Bereichen weisen legasthene Menschen oft überdurchschnittliche Leistungen auf, man bedenke alle erfolgreichen und berühmten Personen, die von Legasthenie betroffen sind, wie zum Beispiel Albert Einstein, Steve Jobs, Charles Darwin, Galileo Galilei, Beethoven, Mozart, Picasso und noch viele mehr! Laut internationalen Schätzungen sind rund 15% aller Menschen weltweit von Legasthenie betroffen und die Dunkelziffer ist vermutlich noch höher.

Ich verwende folglich aus Gründen der besseren Lesbarkeit den Begriff "Legasthenie", da diese - ebenso wie alle anderen Bezeichnungen - wiederum so viele individuelle Abstufungen und Schwerpunkte enthält, dass dies ohnehin bei jedem einzelnen Kind genau festgestellt werden muss, bevor ein Training zum erwünschten Erfolg führen kann.

Wie entsteht Legasthenie?

Der Code unserer Sprache, also die Buchstaben, die sich zu Wörtern zusammensetzen, folgt gewissen Regeln, den Rechtschreibregeln, die in der Schule erlernt werden. Das Erlernen dieses Codes erfolgt mithilfe der Sinneswahrnehmungen, wie zum Beispiel dem Hören und dem Sehen. Kurz gesagt, man speichert beim Erlernen der Schrift Buchstaben und Wörter wie mit einem Foto im Gedächtnis ab. Diese Wörter sind natürlich wiederum mit den bereits vorher erlernten Lauten verbunden, die für etwas stehen. Hören wir das Wort „Baum“ haben wir im Gegensatz zu dem Wort „Raum“ ein völlig anderes Bild im Kopf. Wir haben zuvor als Kleinkinder im Zuge des Spracherwerbs mit Lauten die Bedeutung erlernt und wissen wofür welche Wörter stehen, wie diese klingen und wie wir diese Laute bilden.
 

Legasthenen Menschen fällt es meist schwer, bestimmte Laute den Buchstaben (und umgekehrt) zuzuordnen, Buchstaben und Wörter korrekt abzuspeichern (Rechtschreibung) und diese gespeicherten Bilder mit den dazugehörenden Buchstaben, Wörtern und Lauten dann wieder aus dem Gedächtnis abzurufen (Lesen).

Durch diese - aufgrund von (vermutlich) genetischen Ursachen - differenziert ausgebildeten Sinneswahrnehmungen fehlt dann natürlich auch zeitweise die Aufmerksamkeit beim Lesen und Schreiben, was ein weiterer Teil der Legasthenie sein kann und woran im Training ebenso gearbeitet wird. Diese zeitweise fehlende Aufmerksamkeit und die differenziert ausgebildeten Sinneswahrnehmungen erschweren den Schriftspracherwerb erheblich und trotz oftmals sogar überdurchschnittlicher Intelligenz und viel Anstrengung bleiben die erwarteten Erfolge aus. 

Warum ist es so wichtig, früh genug zu handeln und mit dem Legasthenietraining zu beginnen?

Die durch eine Legasthenie entstehenden Misserfolge beeinflussen nicht nur Schulnoten und allgemein den schulischen Alltag, sondern haben in Konsequenz daraus oft einen negativen Einfluss auf den gesamten Alltag und auch den weiteren Werdegang. 
Die Kulturtechnik des Lesens und Schreibens stellt in unserer Gesellschaft eine grundlegende und täglich erwartete Fähigkeit und Fertigkeit dar, deren große Bedeutung sich nicht nur in allen Schulnoten äußert.

Die wohl wichtigste und am meisten unterschätzte Komponente stellt mit Sicherheit das durch die schulischen Misserfolge oft stark leidende Selbstbewusstsein des Kindes dar. Betroffene Kinder, die eigentlich mit viel Freude und Motivation in die schulische Laufbahn gestartet sind, bekommen plötzlich sehr schnell Selbstzweifel, da sie trotz Übung und oft sehr viel Anstrengung nicht den erwarteten Erfolg erzielen und ihren Mitschüler:innen immer hinterher hinken.

Das frühe Erkennen einer Legasthenie kann für Betroffene einen großen Beitrag zu einem zufriedenen Schulalltag, aber auch eine große Hilfestellung für einen erfüllenden Alltag bedeuten. Ein frühes, gezieltes, individuelles, konsequentes und erfolgreiches Legasthenietraining kann hier Wunder für das gesamte Leben des betroffenen Kindes bewirken, bereits vorhandene Selbstzweifel beseitigen und vor allem die Freude am Lernen für das ganze Leben zurück bringen.

Wer kann mir helfen, welcher Ansatz ist nun richtig und welches Training hilft meinem Kind?

Sollte zum Beispiel seitens der Lehrkraft der Verdacht auf Legasthenie bestehen und eine Testung nahegelegt worden sein, können Sie sich an SchulpsychologInnen, Kinder-und JugendpsychiaterInnen sowie niedergelassene Zentren für Legasthenie wenden. Ebenso gibt es zahlreiche Legasthenie-TrainerInnen, die auf im Internet zu findenden Listen geführt werden und Testungen anbieten. 

Bedenken Sie jedoch, dass jede Berufsgruppe diverse Schwerpunkte setzt. So war es lange üblich, dass mit legasthenen Kindern Intelligenztests durchgeführt wurden, obwohl es allgemein bekannt ist, dass eine Legasthenie nichts mit der Intelligenz zu tun hat. 

Zusätzlich sollte man bei der Wahl der richtigen Anlaufstelle auch die bekannte Symptomatik, den Bildungs- sowie Berufshintergrund und natürlich entsprechende Erfahrungen und Referenzen beachten. Gibt es zusätzlich physische Ursachen (verminderte Sehfähigkeit oder schlechtes Hören) oder bereits psychische Auswirkungen durch die schulischen Misserfolge, sollten immer auch jene Bereiche von medizinischen Fachkräften bzw. PsychologInnen abgeklärt werden.

Tatsache ist, dass das Kind als Individuum im Mittelpunkt steht und ein:e gute:r Trainer:in seine individuellen Schwierigkeiten herausfindet, das Kind dort abholt wo es steht und dahin zurückgeht, wo das Kind begonnen hat, die Dinge gar nicht oder falsch abzuspeichern. Dies kann durch optische, akustische oder andere betroffene Sinneswahrnehmungen erfolgen. Die Kunst ist es, dass das Kind mit dem/der TrainerIn harmoniert und eine neue Basis für erfolgreiches Lernen geschaffen werden kann. Hierzu bedarf es viel Geduld und Einfühlungsvermögen, einem aktuellen und überdurchschnittlichen Wissensstand der Pädagogik, Didaktik, Lernförderung und des Unterrichtsstoffes sowie Erfahrung im Umgang mit Kindern dieser Altersklasse.

Meine pädagogisch-didaktische Ausbildung zur Volksschullehrerin in Kombination mit meinem Universitätsstudium mit Schwerpunkten u.a. in Lernpsychologie und Entwicklungspsychologie sowie meiner Ausbildung zur Legasthenie-und Dyskalkulietrainerin ist es mir möglich, viele Bereiche zu vereinen und mit Ihrem Kind ganzheitlich aus unterschiedlichen Perspektiven zu arbeiten.

Am Ende geht es darum, dem betroffenen Kind einen weiteren Marathon an schulischen Misserfolgen zu ersparen, sein oft angeknackstes Selbstbewusstsein wieder aufzubauen, die Freude am Lesen, Schreiben und Rechnen wieder zu erlangen und so mit einem erfolgreichen Bildungsweg den Grundstein für ein zufriedenes Leben mit viel Freude am Lernen zu legen.